"LACHE DAS LEBEN AN UND ES LACHT ZURÜCK"


"LACHE DAS LEBEN AN UND ES LACHT ZURÜCK"
Magazin
Mai 2018

JOLANDA NEFF IM INTERVIEW
"LACHE DAS LEBEN AN UND ES LACHT ZURÜCK"
Die Rheintalerin Jolanda Neff ist Mountainbike-Welt- meisterin. Im Interview erzählt sie vom Zusammenspiel zwischen ihrem Beruf und der Natur, verrät, wie sie sich immer wieder motiviert und warum eine Bremsscheibe ihr stetiger Begleiter ist.

Als Mountainbikerin sind Sie für Wettkämpfe auf der ganzen Welt unterwegs. Was bedeutet Ihnen das Rheintal?

Sehr viel. Ich reise gerne, komme aber genau so gerne nach Hause und denke dabei immer: «Wow, wie schön es hier ist!» Das Rheintal ist mein liebstes Trainingsgebiet. Ich kenne jedes Wäldli und alle Wege. Ich habe auch eine Wohnung in Zürich und kann mich überall gut einrichten, aber am liebsten bin ich im Rheintal.

Welche Gebiete können Sie über das Rheintal hinaus für Radsportler in der Schweiz besonders empfehlen?

Man findet überall tolle Orte, um zu biken, wir haben ein grosses Netz an Wanderwegen und Bike-Strecken. Jede Region hat ihren eigenen Charakter, im Wallis gibt es die «ruchen» Landschaften, das Tessin bietet viele Farben und Graubünden besticht mit alpinen Zonen, Pflanzen und Tieren. Jedes Gebiet ist es wert, entdeckt zu werden!

In welcher Beziehung stehen Sie als Outdoor-Sportlerin zur Natur?

Die Natur ist Bestandteil der Wettkämpfe, die ich bestreite. Die Bedingungen ändern sich schnell, es kann in Strömen regnen, unter Null oder über 35 Grad sein. Die Natur spielt auch von ihrer Beschaffenheit her mit: Es gibt Strecken mit Wurzeln, Steinen, Sand, Lehm oder Gras. So lernt man die Natur schätzen und Respekt vor ihr zu haben und weiss, warum man Sorge zu ihr tragen soll. Die Natur liegt mir sehr am Herzen.

Sie gehören zum Radrennverein Altenrhein. Inwiefern sind Sie dort involviert?

Ich bin Mitglied, seit ich ein Kind bin, mein Vater ist im Vorstand. Nun bin ich im Organisationskomitee des Bodensee-Radmarathons. Er findet immer im Herbst statt und man fährt dabei einmal um den Bodensee. Ich habe bei diesem Anlass während vieler Jahre an einem Posten mitgeholfen und dort zum Beispiel Biberli und Bananen für die Sportler geschnitten.

 Welche Sportarten verfolgen Sie selber?

Ich interessiere mich sehr dafür, was andere Sportler machen – und wenn ich sie persönlich kenne, natürlich noch mehr! An den Olympischen Spielen habe ich zum Beispiel Skicross verfolgt und mich riesig mit Marc Bischofberger gefreut, als er Silber gewonnen hat. Mich interessiert Sport allgemein und speziell Ausdauersportarten wie Langlauf oder Triathlon. Und über die Erfolge von Roger Federer halte ich mich auch auf dem Laufenden.

Tragen Sie Schmuck, wenn Sie Rennen fahren?

Ja, immer wieder andere Ohrringe und Halsketten. Ich habe eine Kette mit einem Anhänger, das Sujet ist eine kleine Bremsscheibe, eine Freundin aus Chile hat sie mir geschenkt. Diese Kette habe ich immer bei mir. Ich mag Schmuck sowieso sehr gerne. Mein Schmuckgeschmack wechselt, früher trug ich Silberschmuck, seit kurzem gefällt mir auch Gold sehr gut.

Was ist Ihr Ausgleich zum Sport?

Ich treffe mich oft mit Kollegen und gehe einen «Kafi trinken». Oder ich unternehme etwas mit meiner Familie. Ich gehe gerne raus, sitze lieber nicht allein im stillen Kämmerli. Viel mehr geniesse ich es, mit Leuten über Gott und die Welt zu reden. Unser Leben hängt von Begegnungen mit Menschen ab. Natürlich ist es toll, wenn man eine Medaille gewinnt, aber viel schöner ist es, die Freude mit Menschen zu teilen, die einem etwas bedeuten, Menschen, die einen begleiten.

Im Januar haben Sie sich das Schlüsselbein gebrochen. Wie motiviert man sich als Sportlerin, um nach einem Unfall weiterzumachen?

Man motiviert sich, indem man weiss, was möglich ist, wenn man gesund ist. Und wenn man es noch besser machen will als vor dem Sturz. Wenn man eine Verletzung hat, sollte man sich fragen: Was kann ich jetzt machen? Welche Möglichkeiten gibt es? Und Möglichkeiten gibt es immer! Mein Motto ist: Lache das Leben an und es lacht zurück! Es kommen immer neue Rennen und neue Ziele. Ich weiss, was mir guttut, welche Trainings für mich funktionieren.

Wie gross ist Ihr Trainingsaufwand?

Ich bin jeden Tag draussen, auch wenn es regnet oder schneit, schliesslich sind das die Bedingungen wie bei einem richtigen Rennen, da kann es auch regnen. Ich fühle mich wohl dabei, von den Bedingungen her mag ich es lieber kühler als heiss. Ich trainiere täglich bis zu vier Stunden auf dem Rad. Zusätzlich zum Training kommen noch Massagen, Rumpf-Training oder Dehnen dazu. Ich habe insgesamt acht Velos, darunter zwei Mountainbikes und zwei Rennräder.

Sie haben 2013 die Spitzensport-RS absolviert. Wie kann man sich dieses Training vorstellen?

Es kommen Sportler aus allen möglichen Sportarten zusammen, wir waren ungefähr 30 Leute. Zuerst haben wir eine militärische Grundausbildung gemacht und danach an der Eidgenössischen Hochschule für Sport in Magglingen trainiert. Ich habe vor allem mit zwei anderen Bikerinnen trainiert.

Als 6-Jährige sind Sie 1999 das erste Mal mit einer Startnummer ein Rennen gefahren. Sie feiern 2019 also ihr 20-jähriges Wettkampf–Jubiläum. Welches waren die wichtigsten Meilensteine?

Das ist schwierig zu sagen. Es ging einfach immer weiter und weiter. Das Schönste ist wohl generell, wenn man das Hobby zum Beruf machen kann. Was sicher eine wichtige Rolle gespielt hat, war der Profivertrag, den ich 2012 erhalten habe, das gab meinem Beruf eine Struktur und er wurde auf einmal auch von anderen Leuten mitorganisiert.

Auf Ihrer Website jolandaneff.ch gibt es viel zu ent- decken! Darunter Ihr Lieblingsessen: Rheintaler Ribelmais mit Cappuccino!

Ribelmais ist sehr gesund. Es ist ein altes Getreide, das gute Kohlenhydrate bietet. Und ich mag Kaffee und alles, was danach schmeckt. Man könnte sagen, ich bin süchtig nach Mokkajoghurt! Ernährung ist enorm wichtig und dass man weiss, was einem guttut. Es tut jedem Menschen gut, sich ausgewogen zu ernähren.

Seit 2016 studieren Sie an der Uni Zürich Geschichte im Hauptfach. Was interessiert Sie daran?

Alles! Ob Antike, Mittelalter oder Neuzeit – ich erfahre alles darüber, warum die Welt so geworden ist, wie sie ist. Ich verfolge das Weltgeschehen aufmerksam und lese gerne Zeitung. Im Studium gibt es auch viel zu lesen und zu schreiben und das mache ich sehr gerne.

Welches sind Ihre Ziele?

Mein Ziel ist es, jeden Moment zu geniessen und dankbar zu sein. Man weiss nie, wie es morgen aussieht, das steht in den Sternen. Ich schätze es sehr, dass ich das tun kann, was mich am meisten begeistert, ich möchte nichts anderes machen als biken. Ich habe keinen Plan, der vorsieht, womit ich mich in welchem Alter beschäftigen werde. Derzeit mache ich, was ich möchte, und mir stehen viele Türen offen.

Jolanda Neff (*1993) wohnt in Thal und ist Mountainbikerin von Beruf. Angefangen hat ihre Karriere mit einem Geschicklichkeits-Parcours im Jahre 1999. Ihr Trainer ist ihr Vater Markus Neff, der 1997 Mountainbike- Vizeweltmeister war. Jolanda Neff hat 2011 die Matura in St.Gallen absolviert. 2012 gewann Sie bei den U23 den Schweizer-, Europa- und Weltmeistertitel. Im Jahr 2014 wurde sie in der höchsten Kategorie Elite jüngste Gesamtweltcup-Siegerin aller Zeiten. Im folgenden Jahr gewann sie den Titel erneut und wurde jüngste Europameisterin. Bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro qualifizierte sie sich zusätzlich für das Strassenrennen, wo sie mit dem 8. Rang ein Diplom für die Schweiz gewann. 10 Tage vor ihrer Paradedisziplin, dem Mountainbiken, erlitt sie einen schweren Sturz im Training. Sie nahm trotz Schmerzen am Rennen teil und beendete es auf dem 6. Rang. Seit dem Jahr 2017 fährt Jolanda für das Kross Racing Team und wurde letzten Sommer erstmals Weltmeisterin.

Jolanda Neff trägt Schmuck von Rhomberg
Hair- and Make-up von Jolanda Neff: Eveline Stöckli, www.evelinestoeckli.ch

Zur Website von Jolanda Neff


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